An: Marco Schreuder / Re: Eine persönliche Bitte

S.g. Herr Schreuder,

ich habe mich sehr über Ihr heutiges E-Mail gefreut, auch wenn ich, obwohl Sie angeblich “in meinem Sinne aktiv waren”, erst mal keine Ahnung hatte, wer mir da schreibt. Wissen Sie, ich krieg nämlich ständig Mails von Afrikanern, die mir große Erbschaften überweisen möchten und Weißrussinnen, die ausgerechnet mich heiraten wollen. Bei denen klingt der erste Absatz meist recht ähnlich wie in Ihrem Schreiben:

Wir sind uns in den letzten Jahren, seit ich im Wiener Gemeinderat bin, real und/oder auf Facebook und im Sozial Web begegnet, bzw. hast Du meine Arbeit auf die eine oder andere Weise verfolgen können. Ich hoffe, auch in deinem Sinne aktiv gewesen zu sein. Ich möchte deine Anliegen weiter verfolgen, weiter helfen und dranbleiben. Um das zu tun brauche ich allerdings deine Hilfe.

Ich bin gerührt! Ein Politiker braucht meine Hilfe – da muss es ja wirklich schlimm stehen um die Grünen. Aber Herr Schreuder, auch wenn Ihr Name ein bisschen nach Gerd Schröder klingt, also recht polit-kompetent, fürchte ich, dass ich Sie leider enttäuschen muss.

Was Sie da in Ihrem aktuellen Clip so daher brabbeln, das geht wirklich auf kein Tarnnetz: “Wir brauchen viel mehr Investitionen in Musikschulen. Die Grünen wollen in jedem Bezirk eine Musikschule mit ausreichender Ausbildung vor allem auch von popkulturellen Elementen oder DJing,” sagen Sie in Ihrem aktuellen Video. Aber weil Sie nicht der Kasperl aus dem Wurstlprater und auch nicht der Flex-Sonic sind, sondern der Kulturversprecher der Wiener Grünen, wollte ich mal genauer nachfragen, wie Sie sich den DJ-Unterricht in den Wiener Musikschulen eigentlich so vorstellen. Das könnten Sie ruhig mal ausführlicher erklären. “Hojak, Scratchen, 5” – stell ich mir durchaus unterhaltsam vor.

Überhaupt ist das, lieber Marco Schreuder, eine schwierige Sache mit diese Kültür. Top-Down funktioniert ja nicht mal mehr in der Josefstadt richtig, und irgendwie wirkt der durchschnittliche Opernbesucher auf mich wesentlich unverkrampfter als Sie und Ihre Parteikollegen. Ein wenig früher, als alles noch ein bisschen besser war (direkt nach Hainburg und so), da konnte man sich wenigstens drauf verlassen, dass naturverbundene Basisdemokraten ihre Linksdialektik aus dem FF beherrschten. Das scheint sich geändert zu haben, denn, Marco Schreuder, ich muss Ihnen mal was verraten: eine Kultur ist keine Leberwurstsemmel und es macht einfach überhaupt keinen Sinn, von “kultureller Nahversorgung” zu sprechen. Klingt zwar irgendwie so, als würd man sich den “Nöten und Ängsten des skurrilen kleinen Mannes” annehmen, sagt aber was ganz anderes. (“Erna, die Kultur geht uns aus! Wir müssen in den 2. ziehen.”)

Wer unreflektiert in derartig üble Rhethoriken verfällt, neigt nämlich dazu, einen wesentlichen Punkt zu übersehen: irgendwer muss nun mal bestimmen, was die “Kultur” ist, mit der “nahversorgt” werden soll. Solche Modelle haben, dies noch als abschließender kleiner Hinweis an Sie, in diversen Diktaturen immer sehr gut funktioniert. Mangels Protestmöglichkeiten. Denken Sie doch mal über Enablement statt Distribution nach – fördern, was man selber sympathisch findet, wär ja sowieso bloß die Fortführung der SPÖ Politik… oder?

leicht bestürzt,
Ihr Blogfried datenschmutz

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10 Kommentare auf "An: Marco Schreuder / Re: Eine persönliche Bitte"

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