Gastbeitrag: Alles was glänzt ist Chrome

Gastbeitrag: Alles was glänzt ist Chrome

google chromeDer folgende Gastbeitrag von Walter Ritter stammt aus der aktuellen Ausgabe von the gap. Der Autor hat ihn mir zur Verfügung gestellt und ich denke, dass diese Überlegungen zu Googles Chrome-Browser für datenschmutz Leser sehr interessant sind.
Google präsentiert einen eigenen Browser. Der macht das Datensammeln noch einfacher für das Unternehmen. Mit dem neuen Streich in Richtung Absicherung seiner Hegemonialstellung läutet der Internetkonzern auch einen Kulturwandel in der Open Source Szene ein. David Ayers von osAlliance hat Google formal wenig vorzuwerfen. Ethik steht ohnehin auf einem anderen Blatt Papier.

Die Geschichte von Google ist immer auch eine Geschichte von Paradigmenwechseln. Der erste und substanziellste Wechsel fand in der Online Werbung statt. Weg von blinkenden Bannern, die nach Reichweiten verrechnet wurden, hin zu kontextbezogenen Texteinschaltungen mit einer Abrechnung nach Klicks. Neuer Paradigmenwechsel: Nun schickt sich der manische Datensammler an, auch die Open Source Szene für sich zu instrumentalisieren.

Von anderen Browserherstellern wurde Chrome recht positiv aufgenommen. Sowohl Opera als auch Mozilla freuen sich über den neuen Mitbewerber, der den Wettbewerb ankurbelt und mithelfen wird, Microsofts Marktdominanz in dem Bereich zurückzudrängen. Vor allem das Geschwindigkeitsversprechen im Umgang mit Java-Scripts wird intensiv diskutiert. Der Rest der Software ist eine Weiterentwicklung bekannter Ideen, wie sie von Firefox, Opera und Safari bekannt sind. So far, so good.

Das Bestreben, einen eigenen Browser zu forcieren, folgt bei Google klarerweise keinen altruistischen Motiven. Chrome verbessert die Möglichkeiten, benutzerspezifische Daten zu sammeln und der Werbewirtschaft für bares Geld zur Verfügung zu stellen. Sogar das deutsche Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik hat eine Empfehlung ausgesprochen, Chrome in der aktuellen Version höchstens zu Testzwecken zu verwenden. Ganz ehrlich: Niemand, der sich mit Google schon näher auseinander gesetzt hat, hätte von Chrome anderes erwartet. Selbst wenn das Übermitteln von Daten an zentrale Server irgendwo in den Untiefen des Menüs deaktivierbar ist: Jede Installation hat eine eindeutige Identifikations-Nummer und kann potenziell mit anderen Benutzer-Daten verknüpft werden.

Die Souveränität von Anwendern und Entwicklern

David Ayers
David Ayers ist Vorstandsmitglied der osAlliance und im österreichischen Kernteam der Freien Software Foundation Europe.

David Ayers ist als Unternehmer und Mitglied der Free Software Foundation alles andere als ein idealistischer Träumer. Er hat absolut nichts gegen die Kommerzialisierung von Open Source Software einzuwenden. Ein Grundprinzip ist ihm aber wichtig: „Ethisch ist, wenn der Anwender Herr über seinen Rechner ist und seine Souveränität gewahrt bleibt.“ Selbiges sollte auch für die Beiträge von Entwicklern zu einem Open Source Projekt gelten. Und da gibt es bei Chrome und dem dahinter liegenden Open Source Projekt Chromium einige Kritikpunkte, auch wenn formal allen Kriterien eine Open Source Lizensierung Genüge getan ist. Zum einen: Das EULA (End User Licensing Agreement) von Chrome sprach einige Zeit im Gegensatz zu den vollmundigen Ankündigungen Googles davon, dass es nicht gestattet sei, den „Quellcode der Software oder Teile davon zu kopieren und zu verändern“. Da ist ein Fehler passiert, sagt Google. Auch hier greife die BSD Open Source Lizenz, die für das Chromium Projekt gilt. Zum anderen: Die BSD Lizenz sieht kein Copyleft vor. Damit können zwar Teile der Software bzw. des Codes in andere Software-Projekte eingebracht werden, aber diese müssen nicht wieder als Open Source zur Verfügung gestellt werden. Copyleft-Lizenzen hingegen stellen sicher, dass auch weitere Projekte diesen Code als Open Source weiter-lizensien. Google hat sich damit die Möglichkeit einer proprietären Weiterentwickung von Chrome-Komponenten gesichert.

Natürlich ist es für talentierte Entwickler reizvoll, an einem Projekt wie Chromium mitzuarbeiten, das professionell betrieben wird und gut finanziert ist. Was bleibt, ist allerdings das Unbehagen, dass dahinter ein brutales Interesse steht, das Produkt zum Sammeln von Daten einzusetzen und dass letztlich die Idee einer freien Software-Entwicklung geschickt instrumentalisiert wird, um ein Geschäftsmodell durchzusetzen, das die Souveränität der Anwender untergräbt.

11 Antworten
  1. Aufschnürer says:

    Ganz genau das ist es – ein weiteres Instrument zum Sammeln von Daten. Mehr nicht. Der Markt benötigt keinen weiteren Mitstreiter. Mit Internet Explorer, Firefox, Opera & Co. ist schon alles abgedeckt. Wer Chrome einsetzt ist selber schuld…

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  2. Eol Ruin says:

    Naja. Man (zumindest die Programmierer) kann sich ja seinen eigenen Chromium bauen (gibt soweit ich weiß schon ein „sichere“ Version).

    Unter der Haube macht so ein „neuer“ Browser schon Sinn. Endlich mal Altlasten entsorgen an denen andere Browser schon seit 10 Jahren knabbern.

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  3. Patrick says:

    Mal abgesehen von der Skepsis bleibe ich sowieso bei Firefox! Ich könnte auf einige Plugins gar nicht mehr verzichten, ausprobiert werden musste Chrome aber natürlich trotzdem^^

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  4. Aufschnürer says:

    Naja, neuer Browser hin oder her – aber bitte nicht von Google! Das wäre ja so als würde man eine von Schäuble bereit gestellte Software für die Passwort-Verwaltung einsetzen.

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  5. Eol Ruin says:

    Irgendwie erinnert mich das Google-Bashing ein bischen an da M$ Bashing so um das Jahr 2000 rum.

    Alle haben über Windows gemeckert (so Monopol & so) aber KEINER den ich kenne hat Konsequenzen gezogen, also zB. Linux oder Apple verwendet …

    Was wohl los wäre wenn Google mal seine Datacenter für hmm… sagen wir mal eine Woche oder so abschaltet (können Sie sich imagemäßig nicht leisten …).

    Wie heisst so schön: „Im Internet ist jede Konkurrenz NUR EINEN KLICK entfernt …“

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    • ritchie
      ritchie says:

      Da hast du einerseits recht, was die breite Masse betrifft. Aber fast jeder, der mit Online-Marketing Geld verdient, verzichtet mittlerweile aus guten Gründen dankend auf die teuren „free Services“ von Google. Das Bundeling des IE mit Windows hat mich seinerzeit ehrlichgesagt nicht besonders gestört – man hatte ja die freie Wahl, es gab Netscape, Opera… bei Google ist das leider nicht so, zumindest was die Suche betrifft. Klar könnte man selbst eine andere Suchmaschine verwenden, aber das ändert nix dran, dass der Großteil der suchenden User über Big G den Weg zur gewünschten Seite findet – und das ist ein Problem, dem man nicht individuell begegnen kann.

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  6. Skulldriver says:

    Was ich das schlimmste an Chrome finde ist, das er mir Musikvideos die eindeutig vom Vertreiber selber (in meinem fall, Nickelback – Rockstar / ins internet geladen von Roadrunnnerrecords dem Vertreiber und Lizenzhalter)
    hochgeladen wurden nicht abgespielt werden. Chrome sagt mir also was ich sehen darf und was nich, und das ist für mich eine Unverschämtheit!

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    • ritchie
      ritchie says:

      Wenigsten hat man am Browsermarkt noch die Wahl – das ist ja wirklich absurd… „do no evil“ heißt also für Google, die Rechte der Major Labels zu schützen… verkehrte Welt!

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  7. Mario says:

    Ich hatte von Anfang an Bedenken bezlg. Datenschutz. Als dann das Ministerium davor gewarnt hat, wurde ich nur noch bestätigt.

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