Paul Otlet: der Netz-Visionär

Paul Otlet: der Netz-Visionär

Zuletzt aktualisiert am 5. März 2015 um 23:37

Sie nannten ihn Paul Otlet. Kein Wunder: das war schließlich auch sein Name. 1934 veröffentlichte der „verrückte“ belgische Professor sein wichtigstes Werk „Traité de documentation“, laut Untertitel „Das Buch über das Buch“. In diesem Meta-Medium präsentierte er seine Vision einer ganz anderen Informationsorganisation. Und wenn sich heute mit seinem Oeuvre beschäftigt, dann fällt es sogar schwer zu glauben, dass es sich nicht um den Hoax einiger Medienkünstler, sondern eine historische Persönlichkeit handelt. Der folgende Youtube-Clip stammt aus der Dokumentation The Man who wanted to classify the world:


Paul Otlet hat das Internet erfunden, die technische Grundlage – ein weltumspannendes Netz aus Elektrizität – war gerade erst im Entstehen. Doch er hat die Fundamente zu dem gelegt, was wir heute als semantische Technologien bezeichnen. Otlets Konzept ist weit älter als Ted Nelsons Xanadu Hypertext System und der älteste mir bekannte Entwurf eines „multimedialen Computers“. Kennt vielleicht jemand noch ältere Quellen?

11 Antworten
  1. mask sagt:

    Die Grenzziehung ist schwierig und hängt ganz von den individuell gesetzten Gründen ab, warum man die Grenze genau hier ziehen möchte.

    Frank Hartmann hat Paul Otlet in seinem Buch „Globale Medienkultur“ erwähnt und ist auf dessen Ideen zur Informationsvernetzung eingegangen. Armand Matellarts geht in seiner „Kommunikation ohne Grenzen?“ weniger auf das Thema Informationsvernetzung ein als auf die physische Vernetzung der Welt. Direkt zu dem Thema als ein – allerdings auch späterer – Vorläufer für eine Informationsorganisationsmaschine – fällt mir noch die Memex von Vannevar Bush ein. Aber noch älteres als Otlets Ideen? Nein, nicht für den Augenblick…

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    • ritchie
      ritchie sagt:

      Matellarts Buch ist wirklich ein Klassiker der „Materialitäten der Kommunikation“. Von Otlet hat mir Frank Hartmann vor einigen Jahren das erste Mal erzählt – flashig finde ich vor allem die extreme Nähe seiner Voraussagen zu dem, wie Computertechnologie heute aussieht. Leibniz war da wesentlich abstrakter.

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      • mask sagt:

        Ein recht berühmtes Beispiel für Informationsvernetzung wär ja noch Hegels Zettelkasten, aber der ist weder elektronisch noch wurde er von seinem Schöpfer als Konzept festgehalten. Passt also auch nicht so wirklich…

        Ähnlich flashig habe ich nur einige Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges in Erinnerung, der die Idee einer Weltbibliothek fiktiv an die Spitze treibt…

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  2. Frank sagt:

    Das Mundaneum in Brüssel hat es tatsächlich gegeben. Aber Butterkeks beiseite (Leibniz!) — die Konzepte sind kaum vergleichbar, und Otlet hat sicher nicht das Internet „erfunden“. Er hat aber die Organisation von Wissen via Metadaten und die Datenbank-Logik mit Hilfe neuer elektromechanischer Technik („Classeurs“, Mikrofiche) realisiert. Ganz wesentlich ist seine ab 1895 (!) entwickelte Erkenntnis, dass neue Medien die alten auflösen, zugunsten von „Hypermedia“ (wörtlich in Otlet 1934).

    PS: Soviel ich weiss war mein TP-Artikel der erste deutschsprachige Text zu Otlet

    PPS: Bin im Besitz des kompletten Films von Francoise Levie, kann bei Interesse gern mal ein Viewing organisieren.

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    • ritchie
      ritchie sagt:

      Das wär super, den Film findet man nirgends. Wir könnten das ja mal bei fatfoogoo im Büro machen, da gibt’s einen großen Fernseher und genug Platz.

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    • Martina Bauer sagt:

      Ob diese E-Mail-Adresse noch aktuell ist und ich Sie erreiche? Ich habe gerade mit großem Interesse Ihren Artikel über Paul Otlet gelesen. Ich übesetze gerade einen kurzen Text von ihm und bin etwas ratlos, wie ich die Ausdrücke „radiated library“ and televised book übersetzen soll. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?
      Ich sollte den Text morgen bereits abgeben, die Zeit ist also kurz.

      Kontext: Cinema, phonographs, radio, television – these instruments taken as substitute for the book will in fact become the new book. The most powerful works for the diffusion of human thought. This will be the radiated library and the televised book

      Mit bestem Dank im Voraus, Martina Bauer

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