Reifenplatzer Auto

Wie sich ein Airbag beim Aufprall anfühlt – Reifenplatzer auf der Autobahn

Ich hab mich schon öfter gefragt, wie es sich wohl anfühlen mag, wenn man in einen Airbag knallt. Ohne es deswegen unbedingt rausfinden zu wollen. Aber gestern kam alles anders. Daher weiß ich nun, einen geplatzten linken vorderen Autoreifen später: Viel weicher, als ich’s mir vorgestellt hätte. Allerdings haben wir die Leitplanke der Autobahnabfahrt auch „nur“ mit schätzungsweise 65km/h touchiert. Für einen Totalschaden hat es trotzdem gereicht.

Man glaubt ja gar nicht, wie viele zerfetzte Autoteile nach so einem Reifenplatzer-Unfalls plötzlich auf der Fahrbahn rumliegen, wie effizient so eine Asfinag-Leitplanke sich durch den Kühler wühlt und wie schnell so eine Karosserie so verzogen ist, dass sich die Tür gerade noch schließen lässt.

Vor allem aber kann ich kaum glauben, wie schnell und präzise die Lenker der nachkommenden Fahrzeuge reagiert haben und wie hilfsbereit alle waren (inklusive einer zufällig „falsch“ abgebogenen Ärztin, die vor Ort gleich die Notversorgung von Astrids Kopfwunde übernahm). Vielen, vielen Dank.

Ich sag mal so: Während Astrid beim Zahnarzt am Behandlungsstuhl saß, hab ich mir beim Spar gegenüber eine Dose dieser Gourmet-Jellybeans gekauft. „35 Flavors, aber wir können nicht garantieren, dass alle enthalten sind“ und so. Die Dose stand im Becherhalter, jetzt sind wohl doch alle 55 Geschmäcker in meinem armen, kleinen Ex-Mazda 2 verteilt.

Die Momente vor dem Aufprall ziehen sich

Ich bin die Strecke schon hunderte Male gefahren: Wer über die A2 aus Wiener Neustadt kommend nach Wien reinfährt, kennt die zweispurige Autobahnabfahrt, die erste Richtung „Zentrum“. Es nieselt leicht, von Aquaplaning noch lange keine Rede. Ich bremse in der beginnenden 80er Zone auf 70 runter, will Astrid gerade erzählen, dass ich mich drauf freue, heute Abend den neuen Perry Rhodan von Michi Turner zu lesen, als der Wagen ganz plötzlich jeglichen Bodenkontakt verliert und zu „schwimmen“ beginnt.

„Eine Ölspur!“ schießt mir als erstes durch den Kopf, und ich versuche gegenzulenken, das Fahrzeug zu stabilisieren. Der Mazda schlingert nach rechts, dreht sich dann nach links. Genau in dem Moment wird mir klar, dass ich der Leitplanke nicht mehr ausweichen kann.

Und dann wird meine neue Lieblings-Leitschiene in Zeitlupe immer größer. In dem Moment, als ich das „Klonk“ des Aufpralls höre, poppen auch schon beide Airbags auf, dann knalle ich mit der linken Gesichtshälfte in meinen rein. Als nächstes sehe ich Kühlerdampf unter der verbogenen Motorhaube rausquellen, weißer Dampf ist im Auto, es riecht leicht verbrannt und chemisch.

Eein schneller Blick nach hinten – die nächste beiden Fahrzeuge konnten uns ausweichen, obwohl wir von der Leitplanke wieder zurückprallt sind und beide Fahrspuren blockieren. Dann raus aus dem Auto, Beifahrertür geöffnet, Astrid aus dem Auto gezerrt und auf den Pannenstreifen bugsiert.

Anschließend die Hündinnen, die zum Glück angeschnallt sind, aus dem Auto holen. Während sich drei Leute um Astrid kümmern, zieh ich mir die gelbe Warnweste an und stelle mein Pannendreieck auf. Polizei und Rettung sind bereits verständigt und treffen nach wenigen Minuten ein. Eine Streife mit Alkomat kommt an, ich absolviere meinen ersten Alkotest. 0,0 sagt der Polizist und schenkt mir das Mundstück als „Souvenir“. Dann nimmt ein Polizist mit mir den Unfall auf, während die Rettung Astrid ins Krankenhaus bringt. Die Polizei nimmt Pula, Capri und mich anschließend zur nächsten Tankstelle mit, ich bring die Hunde in die Wohnung und fahr ins Krankenhaus.

Erkenntnis 1: Man muss nicht in Todesgefahr schweben, um eine subjektive, starke Verlangsamung des Zeitablaufs zu erleben. In den wenigen Moment gehen mir weit mehr Gedanken durch den Kopf, als in 10 Tweets passen. Grob nacherzählt in genau dieser Reihenfolge: „Verdammt, das war ein Reifenplatzer / Da haben wir doch grad vor ein paar Tagen noch drüber geredet / Okay, das Auto wird hin sein, aber wir sind langsam genug / Ob der Airbag wohl aufgeht? Hoffentlich fährt uns hinten keiner rein.“

Erkenntnis 2: So einen Adrenalin-Rausch hatte ich weder beim Motorradfahren noch beim Fallschirmspringen. Eh nett, aber die Kosten-Nutzen-Relation sowie das Risiko einer Überdosis verbieten regelmäßigen Konsum. Eigentlich reicht’s mir jetzt wieder. Wenn’s nach mir geht, war das mein erster und letzter Unfall, danke.

Erkenntnis 3: Wir vier hatten wirklich ganz, ganz saumäßiges Schwein. O-Ton Rettung und Polizei: „Hier passieren häufig schwere Unfälle, bei denen wir Schwerverletzte oder sogar Tote abtransportieren müssen.“ Manche Dinge hat man eben nicht in der Hand: Tempolimit eingehalten, Reifen gestern kontrolliert – genügend Profil, keine Beschädigungen zu erkennen. Ob Nagel, Glassplitter oder sonst was: Schnell kann’s gehen, Fahr-Erfahrung hin oder her.

Ich bin ja bei weitem nicht der erste, dem ein zerfetzter Reifen einen ordentlichen Schrecken einjagt. Die commandantina hat ihre Konfrontation mit streikendem Gummi so beschrieben:

Klong macht es plötzlich, dann klingkling und noch einmal klong. Und dann, drei Takte Brahms später, zieht der Riese Schicksal den Wagen nach links. Wie bitte? Wieso? Ich steuere dagegen, die Fahrbahn unter mir beginnt zu rumpeln, zu rattern, wird zur Schotterpiste. Der Wagen schlingert wie ein Boot.

Ja, das Schlingern trifft’s ganz gut. Diese sehr spezielle Erfahrung wünsch ich wirklich niemandem. Und natürlich fragt man sich: „Was, wenn der Reifen 2 Kilometer vorher bei 130 geplatzt wäre? Wenn die anderen nicht so schnell abgebremst hätten?“ Insofern: Glück im Unglück, oder, wie es Tante Jolesch formuliert hat: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“.

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