Ist Facebook an der Bubble schuld?

Das postfaktische Zeitalter ist eine Erfindung der kontrafaktischen Medienkritik

Zuletzt aktualisiert am 26. April 2018 um 20:47

Im Auto am Weg von Lienz nach Wien sprach Claudia Unterweger mit Axel Maireder, ehemaliger Publizistik-Haudegen und nun Social Media Boss bei GfK über Bubbles und deren Gefährlichkeit Facebooks für die demokratische Meinungsbildung. Genau genommen sprach sie natürlich im Studio, nicht im Auto. Die Hündinnen und ich hörten den beiden dortselbst bloß zu. Das sehr empfehlenswerte Gespräch kann man hier in voller Länge nachlesen, besonders gefallen hat mir Axels Antwort auf die Frage, ob Facebook weiterhin um journalistische Arbeit herumkommen würde:

Jein. Ich glaube nicht, dass Facebook selbst auf Basis journalistischer Arbeit funktionieren kann oder sollte. Das würde etwas reinbringen in das System, das dem System nicht gerecht wird.

Sehe ich ganz genauso, aber eigentlich wollte ich auf die Anmoderation des Interviews hinaus. Der Begriff „postfaktisches“ oder sogar „kontrafaktisches Zeitalter“ sei nämlich gerade dabei, zum Wort des Jahres zu werden, so die Moderatorin.

Vollkommen richtig – Journalisten überschlagen sich derzeit geradezu darin, Social Bot Wahlkämpfe (*gähn*) und die Bubble zum Gott-sei-bei-Uns des digitalen Mediensystem zu machen. Ja blöd, wenn die BREITE MASSE einen dicken, fetten binären Haufen auf FAKTEN kotet und lieber lustig erfundene Memes als DIE WAHRHEIT teilt!

Dabei wusste doch schon Mark Twain: Never let the truth stand in the way of a good story, unless you can’t think of anything better.

Ob das Zitat wirklich von ihm stammt, lässt sich nicht letztgültig verifizieren. Obwohl die damals noch nicht mal WLAN Hotspots auf den Mississippi-Dampfern hatten! Mark Twain lebte übrigens genauso wenig in einem präfaktischen wie wir in einem postfaktischen Zeitalter, und zwar aus mindestens drei ganz simplen Gründen:

1. Da wir nie in einem faktischen Zeitalter gelebt haben, kann es überhaupt keine postfaktische Ära geben.

Natürlich hat die Aufklärung ihre Spuren hinterlassen. Im Großen und Ganzen bezeichnen wir mit dem Zeitalter der Mythen die graue Vorzeit. Und ja, weite Teile der Welt haben sich zumindest bis zu einem gewissen Grad dem „Diktat des beweisbareren Arguments“ unterworfen. Und dennoch koexistierten Mythen, Erfindungen, Inszenierungen und Lügen zu allen Zeiten mit sämtlichen wissenschaftlichen Theorien. Sonst gäb’s in der Schule keinen Religionsunterricht und im Anschluss daran oder vorher Naturkunde, die Homöopathie würde ins Reich der Fiktionen verwiesen und erfolgreiche Energie-Heilungen mit dem Placebo-Effekt erklärt.

'Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.' Heinz von Foerster. #postfaktisch #gibts #nichtClick To Tweet

2. Mediale Inszenierungen und deren Verbreitung sind kein Phänomen des Internet-Zeitalters

„Wag the Dog“ (Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt) ist so nahe an der Realität des zweiten Irak-Krieges, dass der Film gerade noch unter Realsatire und nicht ins Doku-Genre fällt. In Nazi-Deutschland waren Inszenierungen zur Verbreitung von Unwahrheiten in großem Stil Teil des politischen Systems. Natürlich sendeten die Verbreitungstechniken großteils nur One-Way, aber Massenmedien müssen weder digital noch netzwerkartig strukturiert sein, um Meinung in großem Stil zu manipulieren. Dafür musste wahrlich nicht erst Facebook her.

3. Die Quantität an Fakten war noch nie so riesig wie heute, die Qualität immer schon variabel

Hat die am rechten Rand gebetsmühlenartig beschworene „Lügenpresse“ nun ein linkes Pendant? Die „Bubble“ als Schuldige an der kommunikativen Misere? Konstatierte Luhmann ein Systemversagen, beschwörte Habermas eine fünfte Kraft? Big Data im doppelten Wortsinn ermöglicht den Zugriff auf eine Multiplizität von Standpunkten, die bereits jetzt deutliche Auswirkungen zeigt. Die Frage, ob das denn echt sei, schwingt immanent mit und wird so häufig in Kommentaren geäußert, dass die Kritik der Journaille am kritiklosen Konsumenten als das erscheint, was sie immer schon war: Eine bloße Rechtfertigung der eigenen Deutungshoheit. Facebook erzieht seine Nutzer mittelfristig zu mündigeren, werbekritischeren Konsumenten. Yay.

Facebook verbreitet Falschinformationen?

Historischer Moment: Mark Zuckerberg präsentiert die erste Facebook-Bubble. [Fotomontage]

Das Geschwafel von der Gefährlichkeit der Bubble ist bloß die alte Medien-Schwarzseherei in etwas modernerem Gewand verpackt. Jede neue Medientechnologie verlangte dem Rund-Funk Teilnehmer neue Dekodierungs-Skills, eine neue Literacy ab. Wenn überhaupt, dann schärft Facebook den Blick für die Koexistenz sich widersprechender Aussagen und fordert den Social Media Friend zum Tanz mit der Quellenkritik auf.

Am Weg werden wir noch über manches Missverständnis stolpern, aber der Preis ist heiß: Zum ersten Mal nutzen Alt und Jung eine technische Infrastruktur, deren essentieller Bestandteil eines großes Fragezeichen des Misstrauens ist.

Bonus: Was heißt eigentlich kontrafaktisch?

Perry Rhodan, der Erbe des Universums und Held der gleichnamigen Science Fiction Serie, die ich seit einstelligem Lebensalter fasziniert verfolge, tauchte der Begriff „kontrafaktisch“ vor gut zwei Jahren in Zusammenhang mit einer kosmischen Ordnungsmacht auf, die aus der Zukunft heraus agiert, um eine bestimmte zeitliche Kausalentwicklungen zu forcieren.

Das kontrafaktische Museum

Das kontrafaktische Museum: Leo Lukas schickt Perry Rhodan in eine alternative Realität.
© by Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Das Atoptische Tribunal bedient sich dabei nicht gerade zimperlicher Mittel, behauptet aber, dass viel am Spiel stünde. Um das eigenen Handeln zu legitimieren, richtete man das kontrafaktische Museum ein: Hier erfährt der geneigte Besucher, was passiert wäre, wenn besagtes Tribunal nicht eingegriffen hätte.

Ich fände es spannend, wenn der nächste Prophet der Facebook-Demokratie-Apolypse seine eigene Analyse kontrafaktisch anlegte: Stellen Sie sich vor, Mark Zuckerberg hätte nicht eingegriffen und es gäbe kein Facebook. Dann würden sich Falschinformationen auf anderen Kanälen ebenso effektiv verbreiten. Wir würden sie bloß nicht alle so deutlich vor den Latz geknallt bekommen!

3 Antworten
  1. Cornelia Hegele-Raih sagt:

    Sehr guter Artikel! aus meiner Sicht erfüllt das Geschwätz von der Bubble aber viele Funktionen für all di selbsternannten Social Media-Experten. Nämlich die eigene Bubble zu rechtfertigen. Und sie würden vermutlich am liebsten die Internetzensur einführen mit der Begründung man müsse rechte „hatespeech aussortieren. Ich persönlich muss sagen, dass ich noch nie so viele Kontakte und Diskussionen mit unterschiedlichsten Menschen hatte. Und das obwohl man sich natürlich vor allem mit Leuten verbindet, die die eigenen Meinungen und Vorlieben teilen. Aber (zum Glück) ist es ja eine völlig Illusion zu glauben, man könnte die Leute lückenlos aussortieren. Zum Glück sind Menschen so unterschiedlich.

    Antworten
    • Ritchie Pettauer | Online Marketing Berater
      Ritchie Pettauer | Online Marketing Berater sagt:

      Dankeschön! Die Sache mit der Rechtfertigung der eigenen Bubble seh ich ganz genauso. Und wenn man etwas weiter zurückblickt, dann zeigt sich, dass das immer die alten Untergangsszenarien sind, die mit jeder neuen Medientechnologie einhergehen.

      Ich war heute bei einer Podiumsdiskussion zum Thema digitale Identität. Die Regulierer würden gern jedem Facebook Nutzer journalistische Sorgfaltspflicht umhängen – aber Kommunikation besteht nun mal nie nur aus „der Wahrheit“.

      Ich bin jedenfalls auch fest davon überzeugt, dass unser Leben ohne das Netz, ohne Social Media um einiges kommunikativ ärmer wäre.

      Antworten

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