Kommentar: Kultur kann man so oder so hören

Kommentar: Kultur kann man so oder so hören

Zuletzt aktualisiert am 9. Februar 2018 um 15:29

Wenn die IFPI dem österreichischen Unterrichtsministerium Lehrmaterial zum Thema Kreativindustrie zur Verfügung stellt, dann ist der Einseitigkeitsverdacht nicht weit. Doch gerade im Unterricht muss die Meinungsvielfalt gewahrt bleiben – wo bleiben die didaktischen Initiativen der Musikpiraten Open Source Musikanten? Petra vom Projekt Wissensallmende, die ich bei der Freie Netze Konferenz in Linz kennen gelernt hab, bat mich um einen Kommentar zur Causa.

„Musik ist eine Ware, die von Produzenten hergestellt wird, die für ihre Mühen gerecht entlohnt zu werden haben.“ Das ist die eine Wahrheit über akustische Kulturproduktion, jene, die von Vertretern der Major Labels, also der Großverkäufer, immer wieder vehement vertreten wird. Ein vernünftiger Standpunkt – warum auch einen anderen wählen, wenn man Musik verkaufen möchte? Der Denkfehler beginnt erst dort, wo aus der Umdrehung dieser Sichtweise ein einzig mögliches Endresultat extrahiert wird: keine Knete, keine Harmonie mehr. Keine Einzige. Muckmäuschstille klingt wie ein Orchester dagegen: wenn niemand mehr eine Münze in die Jukebox wirft, hebt sich die Nadel, und alle verlassen die Kneipe.

Aber wie das mit Standpunkten ist, gibt’s halt immer mehrere davon: manche Phantasten glauben gar, Musiker täten weiterhin fröhlich musizieren, weil’s ihnen Spaß macht. Und dann entstehen plötzlich solche Konstrukte wie Creative Commones Lizenzen, net.labels, auf denen Gratis-Musik en masse vertrieben wird und ähnliche antithetische Strukturen. Das Schöne dabei: ob das alles auf Dauer funktioniert, ist völlig egal. Ob die Majorindustrie bald oder später baden geht, ob netlabels überleben oder nicht, ob myspace zukünftig die wichtigste Talentvermittlungsplattform wird: die nächsten Jahre werden’s zeigen. Fest steht momentan nur, dass wir derzeit mehrere Optionen haben, dass Musik auch anders als über das klassische Major-System vertrieben werden kann.

Ob sich Startum daher zukünftig in kleinerem Maßstab abspielt, ob Live-Performances gegenüber Albenverkäufen an Stellenwert gewinnen, ob die Konsumenten dazu übergehen, direkt an dei Produzenten zu bezahlen, weiß derzeit niemand. Auch nicht die IFPI. Und deswegen mag das österreichische Unterrichtsministerium zwar große Freude mit gratis zur Verfügung gestellten Unterrichtsmaterialien haben – allerdings lässt man ja auch nicht Lebensmittelkonzerne die Biologiebücher verfassen: in der Schule sollten die Schüler mit der Vielfalt von Kulturproduktion zumindest als Option bekannt gemacht werden, mit der Möglichkeit neuer Distributionsnetze. Lehrmaterialien, die von der IFPI bereit gestellt werden, enthalten vor allem eine Botschaft: mp3s zu kopieren ist böse. In den Händen des richtigen Lehrers und mit properem Material konterkariert, mögen sich die Pakete als wahre didaktische Perlen erweisen. Schöner wär’s halt, wenn zumindest die Regierung im Sinne ihres Kulturförderungsauftrags gleich von vornerhein auf eine ausgewogene Darstellung in den Lehrmaterialien achtet und ganz schnell jedes Paket mit einer Creative Commons Infomappe ergänzt. Dies hat die Initiative Ideen sind etwas wert wohl (unfrewillig) richtig erkannt, wenn sie in Über das Projekt schreibt:

Die Fähigkeit audiovisuelle Medien „richtig“ zu sehen, zu hören und zu bewerten hilft uns mit dem Informationsangebot der komplexer werdenden Medienwelt besser umgehen zu können.

2 Antworten
  1. fadi sagt:

    Als einer der vom Musikmachen leben muss, hänge ich folgende Gedanken an diesen blog-post an:

    1* Audio-Files die zb. von Wipeoutonline auf MySpace zu hören sind, verkaufen sich auch recht gut über iTunes, etc.
    Also gilt die Regel immer noch: Zuerst muss man Musik hören, damit man daran Gefallen finden kann und zum Käufer werden kann.
    Natürlich gibt es auch Benutzer, die das Netz nach Freibier abgrasen, keinen Beitrag leisten und nichts zurück geben.
    Die KonsumentInnen bestimmen das Angebot, bestimmen wer noch produzieren kann und will, ob der Lieblings-Sound überhaupt am leben bleibt.

    2* Klar will ich von meiner Musik leben! Ware ist sie sowieso, ganz gleich in welchem Kontext. In der Romantik hat sich das Bürgertum ein recht krudes Künstler-Bild zusammengezimmert. Der Künstler als eine von Gott beseelte Kunstmaschine, die gar nicht anders kann, als Kunst zu schaffen. Das hat natürlich immer den Preis gedrückt. Und dieser Preiskampf ist natürlich noch nicht zu Ende. Gratis der Endpunkt.

    3* Der letzte weltweite Star war Napster. Ist doch zum weinen, oder?

    4* Schallplattenfirmen als Teil eines Mischkonzerns operieren im Quartalstakt. Da kann nie langfristiger Erfolg entstehen. Die Erfolglosigkeit ist somit projektiert.

    5* Ich gehe jetzt ins Kino. Natürlich ins Programm-Kino. Da weiß ich in was und wen ich investiere.

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  2. ritchie
    ritchie sagt:

    Sehr schön zusammengefasst :-) Zu Punkt 1): niemand hatte Panik, dass die Popmusik aufhören würde zu existieren, weil die Songs im Radio gespielt wurden & die Zuhörer alles auf Kassette hätten aufnehmen können. Im Gegenteil: das Radio erwies sich als primär Kauf-Motivator; keiner kauft die Katze im Sack. Aber das i-net scheint noch zu neu zu sein für die meisten und wird häufig sehr unentspannt betrachtet.

    Und ich denke auch, dass letztendlich die Konsumenten entscheiden; die Strategien der Major Labels waren es ja letztendlich, die Napster zum Star machten…

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