Bécs ist nicht Pécs - eine unfreiwillige Zugfahrt

Pécs ist nicht Bécs: Protokoll meiner unfreiwilligen Reise in den Süden Ungarns

Ich weiß, dass Wien auf Ungarisch Bécs heißt – leider. Ohne die Kenntnis um den magyarischen Namen der österreichischen Bundeshauptstadt wäre ich vielleicht nicht im Budapester Hauptbahnhof Keleti in den Zug nach Pécs eingestiegen. Pécs mit hartem „P“, wohlgemerkt.

Dafür, dass dieses Pécs die drittgrößte Stadt Ungarns mit 150.000 Einwohnern (Tendenz: schrumpfend, aber dazu später mehr) ist, fühlt man sich am Bahnhof nicht wirklich wie in einer urbanen Metropole. Speziell nicht, wenn schon um 21 Uhr alle Fenster stockfinster und sämtliche Schalter geschlossen sind. Wenigstens war die hübsche, junge, schwarzgelockte Schaffnerin noch da, die ich am Bahnsteig gefragt hatte: „Is this the train to Becs / Vienna?“ „Yes!“ hat sie gesagt und 10 Minuten später kommentarlos mein Ticket kontrolliert und entwertet, auf dem natürlich Keleti -> Vienna geschrieben stand.

Reisen bildet, sagen sie. Nun, ich habe auf diesem Trip etwas gelernt:

„Mav Start“ heißt die ungarische ÖBB, nur startete nach 21 Uhr so rein gar nichts mehr vom Bahnhof Pécs. Nicht nach Budapest und schon gar nicht nach Bécs. Ob sie denn wenigstens ein Hotel in Bahnhofsnähe empfehlen könne, wollte ich wissen. Sie dirigierte mich zu einer circa 200 Meter entfernten, vergleichsweise winzigen Jugendherberge, versicherte mir, dass dort „garantiert ein Zimmer frei wäre“ und machte sich auf den Heimweg.

Der Besitzer stand mit einer fröhlichen Truppe vor seinem Etablissement und reagierte auf meine Geschichte mit einer Mischung aus Mitleid und Amüsiertheit, konnte mir aber wider Erwarten keine Bleibe offerieren: Just an diesem Abend fand eine Maturafeier oder ein Jahrestagstreffen oder was weiß ich was statt. „We are full, sorry Sir!“

Ich wollte schon booking.com anwerfen, da empfahl er mir ein kleines Hotel, zwei Straßen weiter. Der sehr nette Wirt, der gerade dabei war, sein Gasthaus zuzusperren, zeigte sich dezent überrascht über den späten Besuch – immerhin war ich der einzige Gast. Mein Zimmer: spartanisch, aber blitzsauber. Er hörte sich meine Geschichte an, schüttelte den Kopf und meinte lapidar: „Hungarian trains are always shit.“ Und dann fragte er mich, ob ich noch was zu trinken aufs Zimmer mitnehmen wollte und schenkte er mir zwei Bierdosen, was ich unglaublich nett fand. So gut hat mir noch nie ein Starobrno geschmeckt, und ich mag Staro wirklich gerne. Vermutlich hätte ich in dieser Ausnahmesituation aber sogar ein Ottakringer getrunken, denn weitere gastronomische Freuden sollte mir dieser Abend nicht mehr für mich bereithalten.

Der Besitzer des Minimarkts, der vor 10 Minuten noch offen war, hatte mein Einchecken genutzt, um seinen Laden gegen alle denkbaren Bedrohungen abzusichern – mit massiven Rollläden, die jedem Juwelier gut zu Gesicht stünden. 15 Tripadvisor-Minuten später war mir dann endgültig klar: Es gibt echt lässige Cocktailbars in Pécs. Aber die sind alle in der Innenstadt und die wiederum ist 2,5km vom Bahnhof entfernt. Unter normalen Umständen nehme ich für einen Mai Thai auch bedeutend weitere Strecken auf mich, allerdings wollte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch den ersten Zug um 5:15 erwischen.

Also frisch-unfröhlich um 4:30 aus den Federn, schnell unter die Dusche, die Fingerzahnbürste ausgepackt und ab zum Bahnhof. Da IC-Karten in Ungarn grundsätzlich nur mit Platzreservierung verkauft werden, sollte man sein Ticket idealerweise vorher besorgen. „The ticket counters open at 5, I think,“ hat sie mir zum Abschied noch gesagt. Meine neue Lieblingsschaffnerin. Und mich damit zum zweiten Mal gelegt.

Da wär nämlic9h niemand, nix, nada. Nicht mal ein Ticket-Automat. Das einzige, was aufging, war die Sonne. Also zurück ins Hotelzimmer, wo zum Glück der Hauseingang offen stand und noch zwei Stündchen aufs Ohr gehauen. Beim nächsten Versuch hat’s mit dem Ticket dann auch geklappt, und nur vier Stunden später (der IC hatte 1h unerklärliche Verspätung) war ich wieder dort, wo ich meine „Rückreise“ begonnen hatte: In Keleti.

Man sagt ja, alles hat irgendwie einen Sinn. Der Sinn meines ungeplanten Trips bestand wohl darin, in Zukunft eine Notration fix im Laptoprucksack zu verpacken: 1 Zahnbürste, 1 Deospray, 1 dickes Buch. Ich hatte nämlich weder Kulturbeutel noch Kindle noch ausreichend Lesestoff noch ein Handy-Ladegerät dabei. Und im Zug von Pécs nach Keleti gab’s natürlich keine Stromstecker. Und ja, selbstverständlich war mein Laptop leer. Genauer gesagt nicht leer: Ich konnte mich noch geschlagene 7 Minuten lang digitales Entertainment genießen. Und auf einer mehrstündigen Zugfahrt nichts zu lesen mitzuhaben, kommt meiner persönlichen Vorstellung von Fegefeuer schon recht nahe.

Während ich also gerade im Railjet sitze, diesen Text tippe und in 30 Minuten schließlich doch final in Bécs ankommen werde, nehme ich mir vor: Ich werde nie mehr über Leute lachen, die in den falschen Zug einsteigen. (Nicht, dass ich das bisher getan hätte. Aber eher mangels Gelegenheit.) Und wenn ich „meine“ Schaffnerin wiedersehe (man trifft sich bekanntlich immer zweimal in Zügen!), dann werde ich von ihr ein Wiedergutmachungsgulyas verlangen. Weil das Bahnhofsviertel von Pécs ist wirklich keine Reise wert.

Eine unvergessliche Reise unternimmt man manchmal unfreiwillig. Aber lesen Sie selbst.
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