Die feige Blogsau durchs Dorf treiben

Die feige Blogsau durchs Dorf treiben

Zuletzt aktualisiert am 1. April 2015 um 12:13

Zum alten Reizthema Sind BloggerInnen feige Schweine? hat Robert anlässlich eines Beitrags auf Indiskretion Ehrensache ein paar sehr spannende Gedanken zusammengefasst. Der große Vorsitzende des deutschen Journo-Verbandes spricht uns „virtuellen Stammtischen“ nämlich jegliche Relevanz ab, im Gegensatz zu den Pros der schreibenden Zunft.

Konkretes Schwein des Anstoßes war dabei folgende Passage aus Captain Konkens Elaborat:

Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

Ähnlichen Schmonzes gab vor längerer Zeit Konkes Vorgänger Dr. Siegfried Weischenberg von sich – dabei wurde uns der Herr Kollege während des Publizistikstudiums noch als leuchtendes Beispiel der in Unwürde veralteten deutschen Zeitungswissenschaft genannt. Besagter Professor verbreitete nämlich im Radio „akademische Fakten“, wie ebenfalls bei Thomas Knüwer nachzulesen ist:

Man muss wissen: Mit 450 Zugriffen im Monat kommt man unter die 100 erfolgreichsten Blogs in Deutschland.

Im Gegensatz zu den laut Meinung des DVI moralisch verwahrlosten Bloggern sind Papiermedientheoretiker anscheinend zu einem interaktiven Diskurs bloß im Anschluss an Podiumsdiskussionen fällig. Zwar sind 450 Honks pro Tag auch nicht die Welt, aber der Unterschied liegt doch weit außerhalb der statistischen Unschärfe einer solchen Untersuchung – oder Professor Weischenberg wollte auf ironisch-subversive Weise die quantitativen Methoden seiner Wissenschaft in Frage stellen – doch dies ist wohl Wunschdenken, ein simpler Irrtum dürfte in diesem Fall der Vater des Gedanken gewesen sein.
Robert und Thomas haben eigentlich alles zum Thema geschrieben, eine Sache gäb’s da aber noch, die mir in den Sinn kommt: wie sieht’s eigentlich aus mit Bloggern und Journalisten in Personalunion? Ich bin schon wesentlich länger journalistisch tätig (bei the gap, telepolis, ORF), als ich dieses Blog schreibe. Und wie ist das eigentlich so mit der textimmanenten Qualitätsessenz? Wird ein Interview, das ich für the gap gemacht habe, automatisch schlechter, wenn ich’s online stelle? Oder ein Twoday-Posting besser, wenn Klaus den betreffenden Text im Datum abdruckt? Verändert eine Veröffentlichung in der Presse-Blogrubrik die Ausschnitte datenschmutz-Beiträge, die dort abgedruckt werden? Und: unterliegt journalistische Verantwortung primär einem Regelkodex oder der Verantwortung des einzelnen, der publiziert? Sollten Blogger überhaupt journalistische Verantwortung tragen? Wie steht der freie Markt zu Qualitätsmedien? (In Österreich haben die beiden ein angespanntes Verhältnis: die Kronenzeitung liegt weit in Führung, afaik ist Deutschland auch ganz gerne im Bild.) Wär’s nicht geschickt, den Konsumenten generell einen kritischen Umgang mit Medien anzugewöhnen, anstatt die ohnehin wirtschaftlichen Gesichtspunkten gehorchenden klassischen Massenmedien in eine sakrosankte Stellung zu heben? Ich weiß es nicht genau… was meinen Sie?

14 Antworten
  1. Matt says:

    Ich glaube ja, dass diese Leute, die den Einfluss der Printmedien schwinden sehen und irgendwie auch verpasst haben sich mit dem Thema Blog ordentlich zu beschäftigen, weil sies zu lange für Unsinn abgetan haben.
    Jetzt stehen sie da und merken, dass sie was fasch gemacht haben, aber sind dann wohl auch zu stolz das zuzugeben und hacken deshalb weiter auf den Blogs rum. – Eigentlich sollten sie doch froh sein, dass sich so viele Menschen „schriftstellerisch“ äußern. Und dabei gehts nicht unbedingt um Qualität. Blogger kreieren schließlich Inhalt und schreiben um Themen, die sie interessant finden. Das muss nicht immer perfekt ausgefeilt sein.
    Es ist eine neue Dimension der schriftstellerischen Tätigkeit!

  2. Rick says:

    Nun, Politiker sind Leute die unter dem Schutzmantel der Immunität rund um sich schlagen und Leute die nicht unter Immunität stehen verklagen.
    Journalisten sind Leute die im Schutz eines Verlags und geltender Pressegesetze um sich schlagen und angesichts dahinschwimmende Felle zuweilen gegen Blogger hetzen.
    Mit ungleichen Waffen zu kämpfen ist so alt wie die Menschheit selbst. Und Hochmut kommt stets vor dem Fall ;)

  3. Wu-Lan-Tong says:

    Naja, wenn sie nichts besseres zu tun haben, sollen sie von mir aus hacken und sich dabei wohl fühlen :razz:
    Ich blogge, weil es mir Spass macht und das werde ich mir von denen nun bestimmt nicht vermiesen lassen, die sonst keinen Spass am Leben haben, außer auf anderen rumzuhacken :lol:

  4. Navigator says:

    Wie oft muss den die Diskussion was guter und was schlechter Inhalt ist noch geführt werden? Das ist soooo lächerlich und sagt mehr aus über (die armseligkeit) jene(r) die die Diskussion anleiern als über jene über die diskutiert wird und die vemeintlich armselig sind.

  5. Markus says:

    Ich empfinde Blogger eigentlich als ziemlich greifbar, persönlich und identifizierbar, also wesentlich weniger anonym als irgendein Name unter einem Artikel in einem Printmedium, den ich evtl. per Leserbrief erreiche. Im Gegenteil setzen sich Blogger noch dem direkten Feedback der Leser aus mit den Kommentarmöglichkeiten.
    Momentan sind die Blogger halt noch ein relativ exklusiver Kreis, und sie beschäftigen sich noch etwas zu sehr miteinander, statt echte, eigenständige Beiträge zu schreiben. Wird aber.

  6. ritchie
    ritchie says:

    @Markus – ja, ich denke auch, das ist eine Transitionsphase von hochgradig selbstreflexivem Dialog hin zum Fach(nischen)medium… sieht man gut an der US-Szene, die da doch locker 2 Jahre voraus im Vergleich in punkto thematischer Ausdifferenzierung.

  7. Rainer says:

    :razz: Klappern gehört zum Handwerk. In der Wirtschaft ist es ein übliches Phänomen, wenn neue Dienstleistungen oder Angebote auf den Markt kommen, dann profitieren alle Marktteilnehmer von den zusätzlichen kunden, die ihre Aufmerksamkeit schenken.
    Da kann es zwischendrin ruhig hoch hergehen, die Blogentwicklung dreht keiner mehr zurück und sie macht uns Internetnutzer reicher, unabhängig davon, ob Einige das schon sehen möchten oder nicht

  8. Ncihtraucher says:

    Ich finde auch, der Spass sollte an erster Stelle stehen.. Wenn das Bloggen keinen Spass macht, funzt das auch nicht über längere Zeit..

  9. Alexander von Lüsen says:

    „Man muss wis­sen: Mit 450 Zugriffen im Monat kommt man unter die 100 erfolg­reichs­ten Blogs in Deutschland.“

    Dieser Wert scheint mir doch extrem niedrig? :shock:

Kommentare sind deaktiviert.