Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse

Vom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse

Zuletzt aktualisiert am 3. Dezember 2014 um 10:54

eurogeldGestern war ich Gastvortragender in Frank Hartmanns Multimedia Vorlesung. Auf der Agenda standen einerseits aktuelle Trends im Bereich Social Media und andererseits ein wenig Plauderei aus dem Berufsalltags-Nähkästchen – nicht nur das klassische Berufsbild des Journalisten bzw. Medienarbeiters ändert sich: Inhalte-Produzenten, egal ob Schreiber, Filmer oder Radiomacher, verdienen zunehmend weniger mit ihrer Arbeit, während die klassische Umwegrentabilität durch Werbung immer höhere Bedeutung gewinnt.

Derzeit sind in Europa allenfalls die ersten Vorbeben zu spüren, die sich allerdings mit beeindruckenden Zahlen untermauern lassen: während Telepolis Ende der neunziger Jahre für ein längeres Feature mehrere hundert Euros bezahlte*, gibt’s mittlerweile deutlich weniger als einen Hunderter – unabhängig von der Artikellänge. Am Abend habe ich dann noch folgendes Tweet von Luca gelesen:

Gerade erfahren, dass ich für einen Trigami-Beitrag mehr bekomme als jemand mit Magister für einen Telepolis-Artikel. Aua. #zukunft?

Dieser Gedanke kam mir auch schon häufiger – für einen trigami-Review hier auf datenschmutz bekomme ich mehr als doppelt soviel Honorar wie für eine meiner Ö1 Kolumnen. Das ist auf den ersten Blick hochgradig skurril – dass Blogger für vergleichsweise sehr unaufwändige Werbetexte beträchtlich mehr Geld erhalten als Freelance-Profischreiber, die ihre Artikel an „professionelle“ Medien verkaufen. Und diese Beispiele sind beileibe keine Einzelfälle: am gesamten europäischen Medienmarkt ist ein gravierender Preisverfall zu beobachten, der diverse Gründe haben mag: ein Überangebot an Arbeitnehmern, generell stärkere Konkurrenz im Medienbereich… aber verdienen die Produzenten weniger? Keineswegs, im selben Zeitraum stiegen alle Werbepreise ganz beträchtlich. Man könnte nun durchwegs behaupten, dass Inhalte sozusagen das nötige Übel darstellen, mit dem man die lästigen Whitespaces zwischen den lukrativen Anzeigen füllen muss: Content follows Adverts á la form follows function.

Auf der anderen Seite allerdings gewinnt für jeden Medienarbeiter das Konzept der Selbstvermarktung radikal an Bedeutung: während für Zeitungen und Zeitschriften Artikel immer weniger wert werden, stellt Unique Content im Netz eine wahre Goldgrube dar: für jede/n JournalistIn bietet sich ein Blog ideal als Pressespiegel an. Ich selber arbeite schon wesentlich länger als Journalist als ich blogge, und der Wunsch nach einem einigermaßen kompletten Pressespiegel war damals mitentscheidend für den Start von datenschmutz – dass die Publikation eigener Artikel auf mittelfristige bis lange Sicht ökonomisch wesentlich attraktiver ist als der einmalige Verkauf von Texten übersehen allerdings nach wie vor die meisten Schreiber. Und bei den in Österreich üblichen, hart an der Lächerlichkeitsgrenze kratzenden Honoraren für freie Journos würde ich niemals einen Text exklusiv verkaufen – es sei denn, jemand ist bereit, auch adäquat zu bezahlen. Ansonsten betrachte ich allfällige Abdruck-Honorare mittlerweile eher als Nebeneinkommen – und diesem Shift von Quantität (Auflage) zu Qualität (Visibility), von Massen- und Mikromedien, kann ich sehr viel abgewinnen: denn erstmals in der Geschichte der Massenmedien können die Produzenten selbst, natürlich mit entsprechendem Zeit- und Energieaufwand, selbst direkt von der guten alten Werbe-Umwegrentabilität profitieren.


* Mein erster Beitrag war ein Interview mit DJ Spooky in Linz, das Frank und ich gemeinsam geführt haben. Der Text ist auch hier auf datenschmutz publiziert und in Franks Medienphilosophie BuchVom Ungleichgewicht medialer Einkommensverhältnisse, das dieser Tage in koreanischer (!) Übersetzung erschien… somit ist der Text sozusagen meine erste Publikation in Schriftzeichen, die ich überhaupt nicht entziffern kann :mrgreen:
Foto-Credits: Euros von tommyS [pixelio.de]

4 Antworten
  1. Susanne says:

    weil du schreibst „Content follows Advert“ – das bekomme ich in meiner täglichen Medienarbeit zu spüren. Man muss oft mit seinem gewissen hadern, ob man von Anzeigenkeilern das für den Kunden verlockende Angebot annimmt – 1 Inserat, 1 Advertorial und dazu 2 Seiten redaktionelle Berichterstattung. Wie frei sind Medien bzw. Journalisten? Und auch wenn laut PRVA Ehrenkodex solche Angebote abzulehnen sind, so kann man es mittlerweile nur mehr sehr schwer dem Kunden gegenüber argumentieren.

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